Geschichte von Russland : Restauration und Niedergang (1825-1905) : Alexander II. – Reformen und imperiale Politik
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Fotografien Russland |
Den Frieden von Paris von 1856 zur Beendigung des Krimkrieges schloss schon Nikolaus’ Sohn und Nachfolger Alexander II. Nikolajewitsch (1855-1881): Russland musste Armenien, das Donaudelta und den südlichen Teil von Bessarabien aufgeben, das Schwarze Meer wurde zur entmilitarisierten und neutralen Zone (so genannte Pontusklauseln) erklärt und das russische Protektorat über die Donaufürstentümer durch eine gemeinsame Garantie der europäischen Großmächte ersetzt. Dieser demütigende Rückschlag bremste jedoch nicht das imperiale Ausgreifen des russischen Reiches in Asien: 1850 schob sich Russland bis zur Flussmündung des Amur vor und besetzte 1855 die Nordhälfte der Insel Sachalin. Bis 1860 wurde die gesamte Amurregion und das Küstengebiet bis zum neu errichteten Hafen von Wladiwostok annektiert. In Zentralasien dehnte Russland seinen Herrschaftsbereich ab 1853 bis an die Grenze zu Persien und Afghanistan aus: Taschkent (1865), Buchara (1866), Samarkand (1868), Chiwa (1873) und Kokand (1876), Aschchabad (1881), Merw (heute Mary, 1884) wurden russisches Territorium (als Russisch-Turkestan) bzw. Protektorat. |
Im Innern leitete Alexander nach dem Debakel des Krimkrieges überfällige Reformen ein. Nachdem den Bauern in den Ostseeprovinzen (Estland, Kurland, Livland) 1819 bereits persönliche Freiheit (allerdings kein Landbesitz) zugestanden worden war, aber der Versuch Nikolaus’ I. gescheitert war, den Landadel freiwillig zur Aufhebung der Gutsuntertänigkeit (siehe Gutsherrschaft) zu veranlassen, hob Alexander II. schließlich per Manifest vom 19. Februar 1861 die Leibeigenschaft auf. |
Ein umfangreiches Gesetzeswerk, das die unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten zu berücksichtigen hatte, entließ die Bauern in die persönliche Freiheit, band sie jedoch gleichzeitig an die Dorfgemeinde (Mir-System, bis 1906). Die zunächst durch den Staat vorgestreckten Entschädigungszahlungen erschwerten jedoch die Arrondierung des überdies viel zu knapp bemessenen bäuerlichen (Privat)anteils an Grund und Boden und verhinderten damit die Bildung eines wirtschaftlich gesunden Bauernstandes. Die permanente Krise im Agrarsektor, der bis zum 1. Weltkrieg die Hauptexportgüter Russlands – Getreide, Vieh und Holz – erwirtschaftete, wurde noch durch die rasch wachsende Landbevölkerung verschärft. |
Die Bauernbefreiung machte auch eine Reform der kommunalen Verwaltung notwendig. 1864 wurden gewählte Bezirksversammlungen mit Vertretern des Adels, der Städte und der Bauernschaft installiert, die sich mit regionalen und lokalen Aufgaben wie Ausbildung, öffentliche Wohlfahrt und Gesundheitsdienst, Schul- und Verkehrswesen widmen sollten. Die Semstwos und die 1870 eingerichtete städtische Selbstverwaltung brachten liberale Grundsätze zur Geltung, wurden aber nie im gesamten Reich verwirklicht und litten unter den Ansprüchen des autoritären zaristischen Staates, der z. B. nur zeitweise eine Lockerung von Universitätsaufsicht (1863) und Zensur (1865) zuließ. |
Auch das Justizsystem wurde unter Alexander einer Reform unterzogen: Die Unabhängigkeit der Richter und die Rechte der Angeklagten wurden gestärkt, die Gerichtsverfahren vereinfacht und transparenter gemacht. Dem Erlass einer Verfassung oder der Einberufung einer Volksvertretung verweigerte sich Alexander jedoch. Auch die Bildungsreformen auf dem Lande kamen nur mühsam voran. Auf der anderen Seite gewannen die sich weiter radikalisierenden sozialrevolutionären Bewegungen Narodniki an Einfluss, allerdings weniger unter der Bauernschaft als in der Intelligenz. Russischer Nationalismus und slawophiles Sendungsbewusstsein führte im Innern des Reiches zu einer |
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Bombenanschlag auf Zar Alexander II. |
verstärkten Russifizierung, unter der nach dem Scheitern des zweiten großen Aufstandes, des Januaraufstandes von 1863, auch Polen zu leiden hatte, das nun auch noch den Rest seiner Autonomie verlor. |
In der Außenpolitik nahm Russland seine aggressive Politik gegenüber dem Osmanischen Reich wieder auf. Mit dem Sturz des französischen Kaisers Napoleon III. während des Deutsch-Französischen Krieges 1870 verschwand der Hauptgegner russischer Intervention in Südosteuropa von der internationalen Bühne, und 1871 erreichte Russland, unterstützt vom Deutschen Reich, auf der Pontuskonferenz die Aufhebung der Rüstungsbegrenzungen am Schwarzen Meer und konnte mit dem Aufbau einer Schwarzmeerflotte beginnen. |
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Der Aufstand Serbiens und Montenegros 1876 gegen das Osmanische Reich bot Russland willkommenen Anlass zum politischen und militärischen Eingreifen: Nach dem 8. Russisch-Türkischen Krieg (1877/78) erreichte Alexander II. im Frieden von San Stefano umfangreiche Zugeständnisse seitens des Osmanischen Reiches, die jedoch auf einer Konferenz der europäischen Mächte, dem Berliner Kongress, wieder zurückgenommen werden mussten. Die bisher favorisierte außenpolitische Bindung an Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich erwies sich langfristig als instabil: Die Nichtverlängerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages 1890 und die Rivalität zur Österreichisch-Ungarischen |
Berliner Kongress |
Monarchie auf dem Balkan führten Russland an die Seite Frankreichs. Die russisch-britischen Gegensätze in Asien konnten durch Verträge geklärt werden (1885/87, 1907). 1881 fiel Alexander II. dem Bombenattentat eines russischen Revolutionärs zum Opfer. Sein Sohn und Nachfolger, Alexander III. Alexandrowitsch (1881-1894), verschärfte Zensur und Polizeiüberwachung, beschnitt die Befugnisse der Semstwos und setzte die zahlreichen nationalen Minderheiten Russifizierungsprogrammen aus. Die Juden wurden in Ghettos verbannt und durften bestimmte Berufe nicht ausüben; zahlreiche Juden wurden in Pogromen getötet. Durch die intensive, mit dem Eisenbahnbau sich beschleunigende Industrialisierung lösten sich allmählich die alten feudalen Abhängigkeiten. Die mit ausländischem Kapital aufgebauten |
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Alexander III von Russland |
Großunternehmen der Textil-, Montan- und Schwerindustrie, vor allem um Sankt Petersburg, Moskau und im ukrainischen Donbass sowie im Gebiet um Baku (Erdölförderung), ließen die Zahl der Fabrikarbeiter und die städtische Bevölkerung rasch steigen. Gegen die miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen wandte sich eine im Untergrund agierende Arbeiterbewegung, die sich revolutionärem Gedankengut öffnete. Dabei konkurrierten Sozialrevolutionäre und Marxisten (1898 Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, SDAPR) miteinander. Die Führung der Sozialisten, seit 1903 gespalten in Menschewiki und Bolschewiki (siehe Bolschewismus), agitierte meist vom Ausland aus. Nikolaus II. Alexandrowitsch (1894-1917), der älteste Sohn Alexanders III., war ein schwacher und leicht beeinflussbarer Herrscher, der zwar die autokratischen Prinzipien aufrechterhielt, dem aber die Rücksichtslosigkeit fehlte, sie durchzusetzen. Zur wachsenden Unruhe im Innern, der die Regierung mit verstärkter Repression und Überwachung beizukommen versuchte, gesellte sich eine familiäre Tragödie, die staatspolitische Dimensionen annehmen sollte: Auf der Suche nach Heilung seines Sohn Alexej von der Bluterkrankheit geriet die kaiserliche Familie in den Bannkreis von Quacksalbern und religiösen Fanatikern, darunter der sibirische Mönch Grigorij Jefimowitsch Rasputin. Außenpolitisch stand Russland in der Mandschurei dem expandierenden japanischen Kaiserreich gegenüber. Die Spannungen führten zum Russisch-Japanischen Krieg (1904/05), der mit einer russischen Niederlage endete. "Russland," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2009 http://de.encarta.msn.com © 1997-2009 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
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