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Geschichte Russlands : Die ersten Rurikiden (862-1054)
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Die verschiedenen ostslawischen Stämme, die sich bis zum 8. Jahrhundert herausbildeten, schufen keine eigene Staatlichkeit, sondern allenfalls lockere Herrschaften, die sich untereinander in beständigem Konflikt befanden. Der russischen Überlieferung zufolge – Hauptquelle ist die Anfang des 12. Jahrhunderts in Kiew entstandene Nestorchronik – wurden die internen Streitigkeiten und Stammesfehden unter den Ostslawen rund um Nowgorod so heftig, dass diese entschieden, sich unter die Oberhoheit eines fremden Fürsten zu begeben. Ihre Wahl fiel auf Rurik, einen skandinavischen Stammes- und Heerführer, der 862 Herrscher über Nowgorod wurde. Zwei andere Skandinavier, Dir und Askold, erlangten die Herrschaft über Kiew. Daher gilt 862 auch als „Geburtsjahr” Russlands, obwohl zu diesem Zeitpunkt weder von einem Staat noch von Russen gesprochen werden kann. In der Nestorchronik werden die Skandinavier Waräger (Wikinger aus Schweden) genannt; sie erhielten später, wie auch die von ihnen unterworfenen Ostslawen, den Namen Rus (in griechischen Quellen Rhos) wovon sich wahrscheinlich Russen und Russland ableiten. Allerdings gibt es auch Theorien, die als Ursprung den finnischen Namen für die Schweden, Ruotsi, oder den Namen eines Alanenstammes in Südrussland, Rukhs-As, annehmen.

Den historischen Hintergrund der Berufungslegende liefert das Vordringen bewaffneter skandinavischer Kaufleute über die Fernhandelsrouten von der Ostsee über Wolchow bzw. Düna, Dnjepr und das Schwarze Meer nach Konstantinopel („Weg von den Warägern zu den Griechen”) seit dem 8. Jahrhundert. Rurik und die Dynastie, die er begründete, die Rurikiden (bis 1598), leiteten eine Zeit innerer Konsolidierung ein und führten zu einer Ausdehnung des ostslawischen Territoriums, besonders im Nordosten und Nordwesten, wo die ansässigen finnischen Völker assimiliert wurden. Die Waräger und ihre skandinavischen Gefolgsleute bildeten dabei die zahlenmäßig allerdings nur sehr dünne Oberschicht im sich ausbildenden Reich.

Ruriks Nachfolger wurde 879 sein Sohn Igor, der von 912 oder 913 bis 945 regierte. Da dieser noch ein Kind war, übernahm Oleg, ein Verwandter Ruriks, die Herrschaft. Fürst Oleg, der den strategischen Wert des Gebiets um Kiew für den Fernhandel erkannte, ließ die warägischen Herrscher der Stadt 882 töten, vereinte dann die beiden Zentren in einer Hand und machte Kiew zu seiner Hauptstadt. Er dehnte sein Herrschaftsgebiet beträchtlich aus, indem er Nachbarstämme unterwarf und sein Heer aus Warägern, Slawen und Finnen nach Süden bis Konstantinopel führte (907). Der dort 911 geschlossene Handelsvertrag mit dem Byzantinischen Reich ist das erste datierte Ereignis in der altrussischen Geschichte. Seit dieser Zeit gestalteten sich die Beziehungen zu Byzanz immer enger; ein weiterer Handelsvertrag wurde 944 und ein Friedensvertrag 971 geschlossen.

Die Witwe Igors, Olga, die für ihren minderjährigen Sohn Swjatoslaw die Regentschaft führte (945-964), soll 955 zwar Christin geworden sein, scheiterte aber mit dem Versuch, das Christentum allgemein durchzusetzen. Doch bereitete sie den Boden für die spätere Christianisierung. Unter Olga und Swjatoslaw (bis 972), dem ersten Fürsten, der einen slawischen Namen trug, erlangte Kiew die Führungsposition unter den altrussischen Städten. Beide Herrscher schufen die Grundlagen für eine staatliche Ordnung im Kiewer Reich, wo das slawische Element allmählich bestimmend wurde. Swjatoslaw war ein großer Heerführer, der sich ganz der Stärkung der russischen Position im Süden und Osten widmete. Er führte seine Truppen gegen die Bulgaren an Wolga und Donau, gegen die Chasaren und gegen die Petschenegen, einen kriegerischen Nomadenstamm, der aus der Schwarzmeersteppe nach Norden vordrang.

Das Reich wurde nach dem Tod Swjatoslaws unter seinen drei Söhnen aufgeteilt. Die sich daraus ergebenden Herrschaftskonflikte endeten 980, als der jüngste Sohn, Wladimir I., den man später Wladimir den Großen oder den Heiligen (978-1015) nannte, sich als Großfürst von Kiew durchsetzte. Das bedeutendste Ereignis während seiner Herrschaft war seine christliche Taufe im Jahr 988, mit der das Christentum zugleich zur offiziellen Staatsreligion erhoben wurde. Nachdem er seine heidnischen Frauen verstoßen hatte, heiratete er Anna, die Schwester des byzantinischen Kaisers Basileios II. Wladimir war damit der erste nichtgriechische Herrscher, der eine dynastische Verbindung mit dem byzantinischen Kaiserhaus einging und so für sich eine bedeutende Rangerhöhung erreichte. Russland öffnete sich also nicht dem Christentum lateinisch-abendländischer Prägung, sondern der byzantinischen Kirchentradition, die allerdings über Bulgarien vermittelt war. Doch ging die russisch-orthodoxe Kirche von Beginn ihre eigenen Wege. Unter der Leitung von Metropoliten, die von etwa 1039 bis 1299 in Kiew residierten, erreichte sie ein großes Maß an Autonomie, obgleich sie der kanonischen Autorität des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstand und der Großfürst ihr tatsächliches Oberhaupt war.

Basileios II
Basileios II.
Die Liturgie bediente sich des Slawischen, das als Sprache der Kirche zur ostslawischen Schriftsprache wurde. In der Architektur, d. h. vor allem im Kloster- und Kirchenbau, in der bildenden Kunst und Musik entfaltete sich hingegen kraftvoll das byzantinische Kulturerbe.
Nach dem Tod Wladimirs 1015 stritten seine Söhne um das Erbe. Der älteste, Swjatopolk, genannt der Verfluchte, erlangte die Oberherrschaft und ließ, um seine Stellung zu sichern, seine Brüder Boris und Gleb ermorden, wurde aber im Gegenzug von seinem Bruder Jaroslaw Mudry, dem Fürsten von Nowgorod, besiegt und abgesetzt. Jaroslaw Mudry, der Weise (Großfürst 1019-1054), versuchte, das Reich seines Großvaters Swjatoslaw wieder erstehen zu lassen; bis 1036 konnte er sich als Gesamtherrscher durchsetzen. Mit ihm erreichte das Kiewer Reich, außenpolitisch durch dynastische Verbindungen zu zahlreichen europäischen Höfen abgesichert, seine größte Macht. Jaroslaw erbaute im großfürstlichen Kiew prachtvolle Klöster und Kirchen, darunter die Sophienkathedrale (Kathedrale der Heiligen Weisheit), errichtete Schulen und schuf den ersten russischen Gesetzeskodex, die Russkaja Prawda („Russische Wahrheit”).
Heiliger Wladimir I. Swjatoslawitsch

Jaroslaws Tod 1054 leitete den Niedergang des Kiewer Reichs und den Aufstieg der verschiedenen russischen Teilfürstentümer ein, die fast ständig Krieg gegeneinander führten. Die Fürstenversammlung von Ljubetsch bestätigte den verschiedenen Rurikiden-Linien die Erblichkeit ihrer Territorien. Jaroslaws Enkel, Wladimir II. Monomach (1113-1125), unternahm einen letzten Versuch, das Land zu einen, aber sein Tod beendete alle Bemühungen, den Gesamtstaat zu erhalten. Andere Fürstentümer forderten nun den Großfürsten von Kiew heraus, darunter Galitsch (Halitsch, später Galizien) und Wolhynien im Westen (ab 1199 vereint), Wladimir-Susdal im oberen und mittleren Teil des Wolgabeckens, Tschernigow und Nowgorod-Sewerskij im Desna-Becken, Polozk, das die Flussbecken von Düna und Beresina umfasste, Smolensk am oberen Teil von Düna und Dnjepr, sowie Nowgorod, der bei weitem größte Teilstaat, zwischen Finnischem Meerbusen, Peipussee, dem Oberlauf der Wolga, Weißem Meer und Nördlicher Dwina.

Wirtschaftlich hatte das Kiewer Reich unter dem Niedergang des Fernhandels nach der Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204 zu leiden (siehe Kreuzzüge).

Heiliger Wladimir I. Swjatoslawitsch
Damit einher ging eine Bevölkerungsabwanderung nach Norden, wo Nowgorod zur blühenden Handelsstadt und östlichem Außenposten der Hanse aufstieg (Peterhof circa 1200-1494). Die Dnjepr-Metropole Kiew verlor ihre Bedeutung als politisches und geistlich-kulturelles Zentrum; ihren Platz übernahmen die Städte Susdal, Wladimir, die Hauptstadt des militärisch stärksten Fürstentums (ab 1169 Sitz des Großfürsten) und schließlich Moskau ein. Zusammengehalten wurden die Teilfürstentümer durch die gemeinsame Sprache, Religion und Kultur. Im Westen mussten sie sich gegen Polen, Litauer und den Deutschen Orden, im Süden gegen die Einfälle der Polowzer Nomaden (Kumanen) verteidigen. "Russland," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2009
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